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Date: 15. August 2012

Author: martine

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Wörter, Wörter, Wörter


Krankenhäuser und ich

Im April 1946, wurde ich im Krankenhaus in Lunéville, in Lothrigen am Blinddarm operiert, was bedeutete, eine gute Woche im Krankenhaus zu bleiben. Erstaunlicherweise glaube ich, keine Angst vor der Operation gehabt zu haben; ich fühlte mich eher heldenhaft, vielleicht auch in Anwesenheit des jungen Arztes, der alle aus der Familie mit solcher Hingabe behandelte.  Als ich wieder aufwachte, fand ich mich in einem großen Zwei-Bett-Krankenzimmer wieder, mein Vater und meine Mutter unterhielten sich ruhig neben mir, und meine Mutter schlief die folgende Nacht im Bett  neben mir. Der Durst war in den folgenden Stunden nur schwer zu ertragen, und so stand ich auf  und trank, wenn ich allein war, Wasser aus einer Vase mit Tulpen, die vor dem Fenster stand. Man ließ mich selten allein, die Besucher brachten mir kleine Geschenke, eine Situation, die ich genoss. Und ich, der ich bis dahin niemals Freude am Lesen hatte und Schwierigkeiten beim Entziffern, ich begeisterte mich für russische Märchen und fortan bis heute für das Lesen. Diesen Krankenhausaufenthalt behalte ich in bester Erinnerung.

Mehr als zwanzig Jahre später habe ich die Bekanntschaft mit zwei Bonner Krankenhäusern gemacht, zuerst mit dem Elisabeth-Krankenhaus, wo unser Sohn geboren ist. Die Ordensschwestern verbreiteten eine Spannung und eine Desorientierung, und die Kruzifixe, in verschiedenen Größen an den Wänden, verbesserten für mich die Situation in keiner Weise. Und drei Jahre später dann mit einer Klinik, in der unsere Tochter zur Welt gekommen ist. Es gab keine Ordensschwestern, aber extrem unfreundlichen Arzt und Hebamme. Ohne den ganz starken Willen in unserer Familie, die schlechten Erfahrungen und daraus entstandene Traumatismen zu überwinden, wo wären wir heute, frage ich mich … Nach beiden Erfahrungen denke ich, dass diese schweren Momente hätten vermieden werden können, aber jedes Mal mit einem schönen gesunden Kind nach Haus zu kommen, war ja eine große Freude.

Neun Jahre später, anlässlich der Blinddarm-Entzündung unseres Sohns, gab es noch einmal  kritische Momente, diesmal in der Universitätsklinik, aber Ende gut, alles gut! Sehr viel später, anlässlich von zwei nicht ganz einfachen Operationen unserer Tochter im Johanniter-Krankenhaus, erfuhren wir die ganze Behandlung – hinsichtlich medizinischer Kompetenz und Kontakt mit den Patienten – als sehr deutlich verbessert. Und ebenso vor fünf Jahren, anlässlich einer Gallenblasen-Operation, der ich mich unterziehen musste – im Elisabeth-Krankenhaus, wieder dort, nach 39 Jahren! Das  Krankenhaus, außen wie innen, war kaum verändert, aber das Klima schon: kompetente und freundliche Ärzte und Krankenschwestern. Ich hatte insgeheim darauf vertraut und gewonnen!

Und noch kürzlich haben mich zwei Operationen in zwei Bonner Krankenhäusern  in der Einschätzung bestärkt, dass die Bedingungen sich sehr verbessert haben, dass die Kranken und ihre Leiden durchaus ernst genommen werden. Es sind diese neueren positiven Erfahrungen, die ältere überlagern, sowie die positive frühere Erfahrung anlässlich der Blinddarm-Operation in Frankreich, die mich motiviert haben, ‚mein Krankenhauszimmer’ in Königswinter zu gestalten, einen freundlichen Ort, eine Gelegenheit, daran zu erinnern, dass ein Krankenhaus schon ein Ort des Leidens ist, aber vor allem ein Ort, wo der Körper genesen kann, und manchmal auch die Seele.

Meine Arbeit ist auch eine Gelegenheit all denen zu danken, die mich so gut behandelt und gepflegt haben, als Kassen-Patientin und ohne markanten Unterschied zur Behandlung von Privat-Patienten.  Doch meine Arbeit ist auch eine Gelegenheit, an die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen auch von Krankenschwestern zu erinnern, bedingt durch Sparmaßnahmen und Rationalisierung,  sowie daran zu erinnern, dass ein Krankenhaus und ein Gesundheitssystem mit Teilung der Lasten und Belastungen unsere Unterstützung verdienen, um sich nicht zu einem ‚amerikanisierten System’  zu entwickeln, zu Lasten der Qualität von Behandlung, Versorgung und Pflege der Patienten.

14 06 2012 Martine Metzing-Peyre

 

 

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